
JUGEND-STYLE
Sie arbeiten emsig weiter an ihrer Handschrift, die Designerinnen Cimen Bachri und Derya Issever von Issever Bahri. Und ihre türkischen Wurzeln bleiben ein wichtiger Quell ihrer Mode. Wie die vergessene Epoche des Jugendstils in der Metropole Istanbul, der das Duo diesmal sowohl gerade Elemente wie auch fließende Formen entlehnten. Ob ganzes Kleid (mit oder ohne Unterkleid) oder dezente Kragenpaspel - hochwertigste Häkelarbeit ist es, die Issever Bahri ein Alleinstellungsmerkmal sichert. Die Garne variieren und erzeugen eine ganz eigene Spannung und Vielfalt, mal Alpaca, dann Samt oder auch Leder. Am Saum oder mitten im weit geschnittenen Pullover. Die Farben schwelgen in Dunkelgrün, Lavendel und finden in Schwarz ihren Ruhepol. Gut, komplett gehäkelte Hosen muss man sicher mögen, oft sehen tut man sie jedoch nicht. Schade eigentlich!




Die Rumänin Irina Schrotter ist einer meiner persönlichen Lieblinge. Seit der letzten Saison entwirft sie gemeinsam mit dem Avantgardisten Lucian Broscatean und auch diesmal stand ein intellektueller Ansatz hinter der Kollektion, der Film „Persona” von Ingmar Bergman. Wie die zwei Protagonistinnen in dem Psychodrama standen alle Outfits unter Hochspannung. Selbst die Haare der Models waren statisch aufgeladen! Reduziert auf Schwarz, Weiß und Grau schienen Teile eines Kleides oder Pullovers ausbrechen zu wollen, verließen die übliche Form, etwa als seitliche Ausstülpung. Bodenhaftung verlieh der grobe Schmuck aus Silber und Holz in geometrischer Form und Schaffell-Gamaschen auf Highheels. Die Musik: gespenstisch!



Bekannt wurde die Ärztin Andrada Ona durch Mützen mit Pelzbommeln, die nach Chirurgenart vernäht werden. Jetzt wagte sie sich mit ihrem Label Zoe Ona, benannt nach ihrer Tochter, auf den Laufsteg - mit einer ganzen Kollektion Damenmode. Vor prominentem Publikum wie Lily und Boris Becker zeigte Ona vor allem überzeugende Strickmode und Ausflüge ins „ernste Fach”, also day- und eveningwear. Erfrischend: Bei allgegenwärtigem Schwarz auf der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin war ihre Farbpalette angenehm abwechslungsreich. Ebenso die Musik: Live von den Meystersingern und vom Band von Adele über Hildegard Knef bis Tony Christie.




Designerin Miranda Konstantinidou zeigte neben ihrer riesigen (Mode-)Schmuckkollektion auch ihre Resort- und Wintermode. Die Themen: „Space Nights” und „Always Summer Somewhere”. Wie eine psychedelisch ausufernde Poolparty auf Ibiza könnte man den Farben-, Muster- und Formenrausch beschreiben, der dann in zwei Showblöcken auf uns einprasselte. Strassverzierte Metallhandschuhe, Gitterbrillen, Bienenkorbfrisuren, Tops aus Plastikschuppen, immer wieder Drucke zwischen Versace-ähnlichem und LSD und Loungewear-Mäntel aus dünnem Samt. Ganz geflasht von der Show in der front row: Minu Barati-Fischer, Franziska Knuppe, Tita von Hardenberg, Patrice, Sarah Kuttner, Boris Becker und Barbara Herzsprung.




Eigentlich ist unwichtig, dass die junge (und gerade schwer bejubelte) Designerin Anne Gorke aus Weimar stammt, der Bauhaus-Stadt. Irgendwie aber auch nicht, denn die form follows function Philosophie der berühmten Designschmiede von Walter Gropius ist durchaus in Gorkes Fashion-Week-Premiere spürbar. Ein goldenes Beige, ein warmes Dunkelblau und- natürlich - Schwarz genügten der Newcomerin für ihre No-Nonsense-Outfits. Vom Faltenrock aus schwerem Leinen, Hotpants bis zu schlanken Kurzkleidern, die wie unsichtbar aus bis zu drei Farben und Materialien zusammengefügt waren. Sehr gut verarbeitet war das! Dazu schwere Dr. Martens, obgleich diese Kollektion keine zusätzliche Erdung brauchte. David Lynch, dessen Stimme vom Band sang, hatte recht: „Good Day Today” für Anne Gorke.



LA VIE BOHÈME
Der gebürtige Bulgare Vladimir Karaleev hatte zwar auch schon zuvor vereinzelt Männerteile gezeigt, doch diesmal bedachte seine Kollektion beide Geschlechter fast gleichmäßig mit starken Farben und dekonstruierten, rohen Details. Highlights: ein Kleid mit einem angehängten halben Jacket, die kraftvollen Blautöne der Menswear (u.a. gemodelt von Alexander David Kern), der mutige Materialmix und die offensichtliche Evolution in Karaleevs Geschick, das Konzeptionelle seiner Mode noch raffinierter zu „verstecken”. Ärmellos, ungesäumt und dreilagig - so könnte man die New Urban Bohème à la Karaleev zusammenfassen.




DÜSTERE ROMANZE
Zwischen Himmel und Hölle schien Dawid Tomaszewski seine Models platziert zu haben - darauf deutete nicht nur das ausgefeilte Licht-Schatten-Design seiner Show hin. Auch seine Entwürfe, die zum unheilvollen Sound von „Canto Ostinato” (Kees Wiering & Polo de Haas) präsentiert wurden, verströmten jene fesselnde Melancholie, für die der Designer mittlerweile berühmt ist. Wuchs hier eine schwarze Seidenblume aus einem Kleidoberteil, war zuvor durchsichtiger Kunststoff als Bustier eingesetzt und das untere Drittel eines Rockes mit Gummi beschichtet, das wie Teer aussah. Lange - natürlich schwarze - Handschuhe aus Leder mit Lasercuts, Kleider wie Priesterroben aus dem Mittelalter und aufwendiger 3D-Strick - die im Pressetext angegebene Inspirationsquelle Portugal war für Dawid Tomaszewski offensichtlich extrem ergiebig.



VERSPRECHEN GEHALTEN
Das Markenuniversum von Michael Michalsky wächst und wächst. Das Schöne: Er vernachlässigt die Mode nicht. Vor allem die Männershow im Rahmen seiner berühmten Michalsky StyleNite hat mich schwer begeistert. Knackig sitzende Ein- oder Dreiknopf-Sakkos zu Hosen mit tiefem Schritteinsatz zu kombinieren, ohne dass es nach, pardon, Ghetto aussieht - das macht dem „King of Casual Businesswear” einfach keiner nach. Nur Michalsky kommt weg mit Hut, Mantel, Sakko, Krawatte und Hochwasserhose.

Zwar fehlte mir bei den Damen die sonst übliche Hingucker-Robe, doch auch so fiel die Kollektion for women grundsolide und mit leichter Hand entworfen aus. Gelungen: der omnipräsente Plastikreifgürtel, die breiten schwarzen Pinselstriche auf Mini und Hosenanzug, die Seidensatinhose mit Gummibund in Elfenbeinweiß und der nostalgisch anmutende, dezente Print mit Zirkusakrobaten und Tänzern.



Insgesamt 54 Models hatte Michalsky verpflichtet, darunter Laufsteg-Debütant Jimi Blue Ochsenknecht, Esther Heesch, Antonia Wesseloh und Melina Martin. Meine zwei Promi-Highlights: Moderatorin Palina Rojinski in einem Ensemble aus Froschoberteil und langem Rock im Look einer bunten Computer-Tastatur - und Herbert Grönemeyer.

Was für eine Nacht: Zwei Fashion Shows, drei spezielle Prinzessinnenkleider inspiriert vom Disney-Film „Die fantastische Welt von Oz”, mitreißende Live-Auftritte von Sängerin Schmidt (Anspieltipp für euch: „Defenceless”!) und dem wilden schwedischen Duo Icona Pop ... Das alles wie am Schnürchen im Tempodrom zu inszenieren und anschließend noch eine rauschende Party zu geben, an die ich mich leider nur noch in Bruchstücken erinnern kann - dafür ist definitiv ein BRAVO fällig.
Fotos: Getty
By Siems Luckwaldt / Nahtlos!




















































































Das braut sich was zusammen. Nicht nur über der Ostküste der USA, wo sich die 5th Avenue für den stürmischen Besuch von Hurrikane „Sandy” rüstet. By the way: Warum trägt schlechtes Wetter eigentlich immer Frauennamen? Egal, denn turbulent ging es auch in der Modewelt zu. Höchste Zeit also für einen Rückblick auf den Oktober - in This Month in Style.





























































































Siems Luckwaldt von
nd hier noch ein paar Infos zu unserem Gastblogger und Fashion Week-Insider Siems Luckwaldt: Siems Luckwaldt sammelte redaktionelle Erfahrungen bei Die Zeit, Hamburger Morgenpost, Cinema, Hamburger Abendblatt und in der New Yorker Korrespondenz der Magazine Gala und TV Today. Er war Mitbegründer von how to spend it, dem Luxusmagazin der Financial Times Deutschland, und viele Jahre dessen Fashion & Beauty Director. Ab 2009 übernahm er diese Position zusätzlich für die Titel Capital, Impulse und Business Punk. Zudem entwickelte er den Modeblog Nahtlos! auf FTD.de und war vom 1. Juli 2010 bis 30. Juni 2011 Ressortleiter Fashion, Beauty & Lifestyle sowie Social Media Manager bei der Burda Style Group Online (Bunte.de, InStyle.de, Elle.de, Freundin.de, Wellfit.Freundin.de, BurdaStyle.de). Im Mai 2011 gründete Siems Luckwaldt